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THE »BOG BLOG«

 

26.11.2018
Irish House Warming
oder: Irland wie in den alten Tagen

Vieles haben wir nun schon in Irland kennen und lieben gelernt. Das irische Wetter, das uns heuer einen einzigartigen Herbst mit wunderschönen Sonnenstimmungen beschert, Wind und Wellen an der Küste, Vögel, Katzen Hunde und Pferde, die uns hier in diesem verzauberten Land willkommen geheißen haben, sie alle wurden Teil dieser speziellen Irlanderfahrung. Nun, da die Tage immer kürzer werden und wir auf der Suche nach Jobs in einen gewissen Alltag eingetaucht sind, passieren immer wieder Dinge, die uns die Größe unserer Entscheidung hier her zu ziehen immer deutlicher vor Augen führen. Das Leben in Irland ist anders. Es besteht nicht nur aus dem distanzierten Beobachten, das den geneigten Irlandreisenden erwartet und ihn gelegentlich in Erstaunen versetzt, sondern es interagiert. Es interagiert mit Menschen, mit Landschaften mittels Musik, Tanz oder auch mittels Geschichten, die einen berühren, oder einen sogar nachhaltig verändern.

Die heutige Geschichte soll ein wenig unsere Veränderung beschreiben. Ich beginne gleich mal am letzten Sonntag. Nachdem wir ja jeden Mittwoch bei unserer Céilí Truppe sind, um dort irischen Formationstanz zu lernen, war es nun an der Zeit, das Gelernte in die Tat umzusetzen und einen echten offenen Céilí zu besuchen. In Longford, einer mittelirischen Kleinstadt mit einigen Shoppingmöglichkeiten, fand das alljährliche Tanzwochenende statt. Wir beschlossen, den Nachmittags-Céilí im Longford Arms Hotel zu besuchen und machten uns mit Tanzschuhen im Gepäck auf den Weg. Der Ballroom entpuppte sich als riesiger Tanzsaal, in dem gut und gerne 20 oder gar 30 Formationen zu je 8 Leuten Platz fanden. Der erste Tanz war uns wage bekannt und so wagen wir das Abenteuer als Side Couple und wurden von unseren Lead Couples mühelos in die richtigen Richtungen befördert. Als wir dann auch noch unsere Tanzlehrerin und einige unserer MittänzerInnen aus Leitrim Village trafen und ein paar Sets gemeinsam mit ihnen tanzten, merkten wir, dass wir schon mehr Tanzerfahrung gemacht haben, als wir dachten, denn bei einem Céilí ohne Ansage mitzuhalten ist schon eine gute Sache. Jedenfalls schafften wir an diesem Tag sogar noch die abendliche Session in Ballinamore und konnten auf ein unglaubliches Wochenende zurückblicken.

Bereits der Samstag hatte mit einem neuerlichen Ausflug in unsere Lieblingsbucht in Sligo ein unvergessliches Erlebnis gebracht: Wir hatten die Anfahrt durch das Glencar Valley mit Wasserfall geplant und haben dort nicht nur das herbstlich verzauberte Naturschauspiel der fallenden Wasser gesehen – es ergab sich eine nette Plauderei mit Leuten, die das schöne Herbstwochenende für eine Reise in den Nordwesten des Landes nutzten. Wir plauderten also gemeinsam über die Schönheit Leitrims und wärmten uns anschließend bei einer Tasse Tee im neuen Visitor Teehaus auf. Den Nachmittag inklusive Sonnenuntergangs verbrachten wir am Strand bei den „Acres“.  Wir nennen diesen Platz den „Fossile Bay“ (Fossilien-Bucht), denn tausende und abertausende kleine bis mittelgroße Fossilien sind hier in altem Vulkanstein in Schichten eingeschlossen und durch die beeindruckende Brandung des Ozeans wieder teilweise freigegeben worden. Wie bereits bei unserem letzten Ausflug dorthin mit Nina gehörte uns dieser magische Ort auch diesmal wieder ganz allein. Meterhohe Brandungswellen und ein unglaubliches Sonnenuntergangslicht belohnten uns für die doch etwas aufwändigere Anfahrt. Und als dann auch noch ein Seehund seine Nase aus dem Wasser reckte waren wir nur noch dankbar für diesen wundervollen Tag.

Huge waves The Acres Beach The Acres Beach Fossiles at the Acres Beach Sunset over the Acres Bay Cliffs

Tage wie diese seien dem Hörensagen nach eher selten, ich meine diese sonnigen Tage mit angenehmen Temperaturen in der frischen Herbstluft. Nun sitzen wir hier an einem Sonntag am PC, draußen scheint wieder die Sonne und nur einzelne Wolken verdecken das sonst strahlende Blau des Himmels. Das erinnert mich daran, dass wir es sogar am Dienstag geschafft haben eine wenn auch etwas windige, aber dennoch herrlich sonnenbeschienene Runde Golf gespielt zu haben.  Aber eigentlich ist hier ja jeder Tag etwas Besonderes.

Unser Haus wird gewärmt

Wie noch vor unserem Umzug beschlossen wollten wir unser Ankommen im Mountain View House mit unseren Nachbarn in besonderer Weise teilen. Obzwar wir unser Haus mittlerweile gemütlich zu heizen wissen, luden wir all unsere Nachbarn zur sogenannten „House Warming Party“. Unsere Schweizer Nachbarn freuten sich so über unsere Einladung, dass sie uns gleich vorher noch zum Nachmittagskaffe zu sich einluden. Eine Party mit geschätzten 30 geladenen Gästen will sorgsam durchdacht und vorbereitet werden: Aufstriche rühren, Suppe kochen, Laugengebäck und Kuchen backen, Wohnung putzen, Sitzmöglichkeiten organisieren, dekorieren und so nebenbei werden auch noch weiter entfernt wohnende Freude eingeladen. Ob wohl alle in unser Häschen passen würden?

Schon in der Vorbereitung dachten wir daran, was wohl an diesem Tag auf uns zukommen würde. Können wir unseren Status als Zugereiste hier verbessern? Können wir mit unseren Nachbarn festere Brücken schlagen? Werden sie unsere Veränderungen im Haus gutheißen? Dass der See hier schon länger „Lake German“ genannt wird, gibt uns weiter zu bedenken. Aber wir bereiten uns gewissenhaft vor. Die Nachbarn bis hinunter zum See werden eingeladen, weiters Marie und ihre Familie, die Freunde von der See-Session im Sommer und auch Máirtín, der dank einer Terminverschiebung doch Zeit findet, zu uns zu stoßen.

Wir haben zu einem offenen Zusammenkommen geladen: Zwischen 17 und 21 möge man vorbeikommen wies es passt. Unsere Deutschen und Schweizer Nachbarn sind die „Early Birds“ und eröffnen den Reigen. Sie zeigen sich von unserem Haus beeindruckt. Natürlich haben wir uns bemüht alles von seiner besten Seite zu zeigen, aber wir freuen uns, dass die liebevollen Details auch erkannt werden. Die erste Stunde wird also deutsch geplaudert. Ab 18 Uhr kommen die irischen Nachbarn und wir schalten um auf Englisch. Einer nach dem anderen wird durch das Haus geführt und erste freundlich-unverbindliche Gespräche finden statt. Alle genießen es, sich mal in Ruhe nachbarschaftlich austauschen zu können, schließlich hat man im Alltag wenig Zeit für Begegnungen. Auch Máirtín ist inzwischen hier. Und da liegt es nahe, ein wenig Musik zu machen. Welch wunderbare Fügung, denn nun erleben uns die Menschen hier in einem neuen Licht.

House Warming

House Warming

Nach einem ersten gemeinsamen Lied widmete sich Christina den Gästen rund ums Buffet und plauderte mit den Nachbarn über Essen, Musik und andere Geschichten, während Máirtín und Niko in der Stube weiter musizierten. Der Abend war für ein paar nette Stunden angedacht, doch wurde es schließlich so gemütlich, dass nach zehn Uhr noch kaum einer auf dem Weg nach Hause war. Alle fühlten sich wohl und freuten sich mit uns. Sie gaben eigene Lieder und berührende Lebensgeschichten zum besten. Es war wieder wie in der „guten alten Zeit“, in der Zeit vor dem Fernseher, als man in der Stube zusammenkam, um jenen Geschichten zu lauschen, die aus den Menschen hier eben jene Individuen gemacht haben, die sie sind. Und selbst die Jungen haben einen großartigen Abend: Die Kinder unserer Vermieter haben mit unserem Mini-Snooker-Tisch ihre Freude und Óisín, ein Neffe von Marie, gibt eine Kostprobe seiner wundervollen Gesangsstimme. Ein etwas älterer Nachbar erzählt eine berührende Geschichte von einem dramatischen Erlebnis in seiner Jugend hier auf dem lokalen See, Marie singt, Martin spielt Akkordeon und gibt eine zweite Stimme dazu. Man freut sich, wieder ein „Gathering“, ein Zusammenkommen wie in den alten Zeiten zu erleben. Es liegt eine Ahnung in der Luft, dass dies nicht das einzige bleiben wird und das gute alte Mountain View House zu einem „Teach Gáirneil“ (irisch für Gathering House) werden will. Am Ende des Abends, als alle mit freundschaftlichen Segenswünschen gegangen waren, gratuliert uns Máirtín: Ihr seid in dieser Community aufgenommen. Nicht einfach nur akzeptiert, ihr seid nun Teil davon.

Natürlich hatte man in der Gemeinde hier über uns als die „Neuen“ geredet. So stellten wir unsere Party insgeheim unter das Motto „Redet mit uns, statt über uns“. Und als wir uns am nächsten Tag aufs Rad schwangen, um einzelne vergessene Dinge zu ihren Besitzern zurückzubringen, wurden wir gegrüßt, freundschaftlich angehupt (das ist das lokale „Hi wie geht’s“ mit dem Auto) und zum gemeinsamen Golfen eingeladen. Nun sind wir richtig angekommen und haben auch unseren Platz in der Nachbarsgemeinschaft gefunden.

 


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